Die Angriffe von US-Präsident Donald Trump auf Papst Leo XIV. und ein Beitrag in den sozialen Medien, die den Präsidenten als KI-generierten vermeintlichen Jesus zeigten, haben für Giorgia Meloni das Fass zum Überlaufen gebracht.
Lange galt die italienische Ministerpräsidentin und Vorsitzende der rechtsnationalen Partei "Brüder Italiens" (Fratelli d'Italia) als Politikerin, die Einfluss auf den rechtspopulistischen US-Präsidenten, einen wichtigen, aber schwierigen Verbündeten, ausüben konnte. Doch als der Papst den Krieg der USA und Israels gegen den Iran kritisierte und sagte, die Welt werde "von einer Handvoll Tyrannen verwüstet", Trump daraufhin in den sozialen Medien eine Tirade losließ und Leo als "schwach" bezeichnete, eilte Meloni dem Papst zur Hilfe.
In Anbetracht der Tatsache, dass mehr als die Hälfte der italienischen Bevölkerung dem katholischen Glauben angehört, erklärte Meloni, sie betrachte Trumps Äußerungen über den Papst als "inakzeptabel". Es sei "richtig und normal" für das Oberhaupt der katholischen Kirche, "zum Frieden aufzurufen und jede Form des Krieges zu verurteilen", betonte sie.
Trump, der Meloni zuvor als "eine der wahren Anführerinnen dieser Welt" bezeichnet hatte, schlug umgehend zurück und erklärte gegenüber einer italienischen Tageszeitung, sie sei es, die "inakzeptabel" sei, sie sei "nicht mehr sie selbst". Für die italienische Ministerpräsidentin könnten das schlechte Nachrichten sein, sollte sie damit Trumps Gehör und den damit verbundenen Einfluss verlieren.
Doch Beobachtern zufolge könnte Meloni die Streitigkeiten zwischen dem Papst und Trump auch genutzt haben, um sich bewusst von dem immer unbeliebter werdenden US-Präsidenten zu distanzieren. Eine im März durchgeführte Umfrage von YouGov stellte fest, dass 80 Prozent der italienischen Bevölkerung keine gute Meinung von Trump haben, insbesondere jetzt, da der Iran-Krieg die Energiepreise in Italien, das stark von Erdgasimporten abhängig ist, in die Höhe treibt.
"Nächstes Jahr finden in Italien Wahlen statt und auch in Italien werden die Preise an den Zapfsäulen darüber entscheiden, wer gewinnt oder verliert", sagt Roberto D'Alimonte, emeritierter Professor der Politikwissenschaften von der Universität Florenz. "Es war klug, den Papst zu verteidigen, denn bei ihren Wählern ist er sehr populär."
Welchen Einfluss hat der Iran-Krieg auf die Politik von Meloni?
Laut einer kürzlich vom italienischen Meinungsforschungsinstitut SWG durchgeführten Umfrage machen sich neun von zehn Italienern Sorgen um die Auswirkungen des Iran-Krieges auf die Energiepreise. Sechs von zehn sprechen sich gegen den Krieg aus.
Vor dem Krieg importierte Italien etwa zehn Prozent seines Erdgases aus Katar. Das machte das Land zum größten europäischen Energieabnehmer des Golfstaats. Doch der Konflikt und die Blockade der Straße von Hormus, einer der wichtigsten Schifffahrtsrouten weltweit, sowie die Angriffe des Iran auf die größte Gasraffinerie in Katar, zwangen Italien nach Alternativen zu suchen und trieben die Strompreise nach oben.
Wie Leo Goretti, Leiter des Programms "Italienische Außenpolitik" der italienischen Denkfabrik Instituto Affari Internazionali in Rom, erläutert, hat der Anstieg der Energiepreise untern den Wählern Melonis zu spürbarer Unzufriedenheit geführt.
"Der Preis für Diesel beträgt mehr als zwei Euro (2,30 US-Dollar) pro Liter. Das hat massive Auswirkungen auf verschiedene gesellschaftliche Gruppen, die tendenziell konservativ sind und Meloni unterstützen", sagt Goretti. D'Alimonte pflichtet ihm bei und weist darauf hin, dass die Menschen "höhere Rechnungen und Benzinpreise mit Trump in Verbindung bringen".
Der Bruch zwischen Meloni und Trump
Die Beziehung Melonis zu Trump hat sich in den letzten Monaten deutlich abgekühlt, insbesondere seit sie sich im Januar gegen seine Drohungen, Grönland zu annektieren, wandte. Trumps anhaltende Unterstützung Israels im Gaza-Konflikt, in dem zehntausende Palästinenser starben, sowie Melonis Unterstützung sowohl für Trump als auch für Israel, hätten Meloni möglicherweise geschwächt und zusätzlich zu dem politischen Bruch beigetragen, sagt Goretti.
"Die italienische Öffentlichkeit war meiner Meinung nach ziemlich wütend über die Menschenrechtsverletzungen im Krieg in Gaza", erläutert Goretti. "Sie sind nicht glücklich über die Instabilität, die Israel in Nahost verursacht."
Goretti zufolge könnte diese Stimmung im März zur Niederlage Melonis bei einem Referendum über eine nicht mit diesen Themen in Zusammenhang stehende Justizreform beigetragen haben. Die Abstimmung wurde allgemein als Volksabstimmung über ihre rechtspopulistische Regierung und ihre Beliebtheit im Land angesehen. 54 Prozent der Italiener stimmten mit "Nein" und machten Trump so zu einer Belastung für Meloni.
Nun versucht Meloni, die Stimmung zu drehen. Sie hat ein Verteidigungsabkommen mit Israel ausgesetzt, stellt sich beim Thema Iran gegen Trump und wehrt sich gegen seine Angriffe auf den Papst.
"Meloni ist Pragmatikerin", sagt der politische Analyst Julien Hoez vom Online-Portal "The French Dispatch". "Es gibt mehrere Gründe, warum sie sich dafür entschieden hat, sich gegen Trump zu stellen. Weil er in Italien unbeliebt ist, weil die Italiener unter den hohen Energiepreisen leiden, weil sie nach der Niederlage im Referendum wieder auf die Beine kommen will, und weil das Wachstum des Bruttoinlandsprodukts zu stagnieren scheint."
"Der Streit zwischen Trump und dem Papst gibt ihr jedoch die Gelegenheit, durch die Verteidigung des in Italien ansässigen Oberhaupts der katholischen Kirche einen großen Sieg zu erringen", fügt er hinzu.
Führt der Bruch mit Trump zur engeren Zusammenarbeit mit der EU?
In Italien herrsche der Eindruck vor, dass die guten Beziehungen zu Trump, die Meloni seit ihrem Amtsantritt 2022 pflegte, ihrem Land keine Vorteile brachten, sagt Goretti. "Dass diese Vermittlerrolle zwischen der EU und Trump Italien nützen könnte, war Wunschdenken", betont er. Nun tendiere sie möglicherweise mehr dazu, sich mit konservativen Mitte-Rechts-Regierungen zu verbünden als mit der extremen Rechten.
Am 12. April verlor der der ungarische Ministerpräsident Viktor Orban trotz Unterstützung durch Trump die Parlamentswahl, so dass Meloni innerhalb der Europäischen Union noch isolierter ist, unterstreicht D'Alimonte. "Sie hat einen gleichgesinnten Kollegen in Europa verloren, einen Souveränisten, der gegen Einwanderung ist. Stück für Stück wird sie sich Merz, Macron und anderen annähern müssen."
Auch die EU könnte vom Bruch Melonis mit Trump profitieren, meint Hoez. "Für die EU heißt das, dass Trump weniger Möglichkeiten hat, ihre Einheit auf EU-Ebene zu unterwandern", hofft er.
Um mit D'Alimonte zu sprechen: "Meloni ist nicht länger Trumps Liebling."
Adaptiert aus dem Englischen von Phoenix Hanzo.