Zum Inhalt springen
Advertisement

ARD-Deutschlandtrend: So unbeliebt war Kanzler Merz noch nie

CDU/CSU und SPD haben den Wählern viel versprochen. Doch laut Umfragen sind die Bürger schwer enttäuscht und haben nur noch wenig Hoffnung auf Besserung.

schedule 16:00 visibility 125 Aufrufe
ARD-Deutschlandtrend: So unbeliebt war Kanzler Merz noch nie
DW Deutsch Quelle: DW Deutsch

Die ersten beiden Landtagswahlen des Jahres sind Geschichte und prompt regt sich auch in der Bundesregierung wieder etwas. Wochenlang hatte die Koalition aus den konservativen Parteien CDU/CSU und den Sozialdemokraten nur auf Sparflamme regiert - aus Furcht, bei den Wählern in den Bundesländern Baden-Württemberg und Rheinland-Pfalz für schlechte Stimmung zu sorgen. Dabei müssen längst überfällige Reformen angepackt werden, um Deutschland wieder auf Kurs zu bringen. Diese werden auch Belastungen und Leistungskürzungen für die Bürger mit sich bringen.

Bundeskanzler Friedrich Merz hatte nach seinem Amtsantritt im Mai 2025 einen "Herbst der Reformen" angekündigt. Doch der blieb aus. Die lange Untätigkeit und der politische Stillstand rächen sich jetzt. 84 Prozent der Bürger - und damit so viele wie noch nie seit dem Amtsantritt der Koalition - sind unzufrieden mit den Leistungen der Regierung.

Ein Blick auf die Parteipräferenzen zeigt, dass die Regierung selbst bei ihren eigenen Wählern nicht mehr überzeugen kann. Das geht aus dem aktuellen ARD-Deutschlandtrend hervor, für den das Meinungsforschungsinstitut infratest dimap an den beiden letzten Tagen im März insgesamt 1316 wahlberechtigte Deutsche repräsentativ befragt hat.

Merz und Klingbeil stark im Minus 

Der Popularitätseinbruch der Koalition macht sich auch persönlich bemerkbar. Kanzler Friedrich Merz (CDU; 21 Prozent Zustimmung; -8) und Vizekanzler Lars Klingbeil (SPD; 18 Prozent Zustimmung; -15) verlieren deutlich an Vertrauen. Beide erzielen nur noch ihren jeweils niedrigsten Sympathiewert seit Amtsantritt.

Die Unzufriedenheit spiegelt sich zudem in den Zustimmungswerten der Parteien. Wenn jetzt eine Bundestagswahl stattfinden würde, wären CDU/CSU und SPD weit davon entfernt, noch eine Mehrheit zu haben.

CDU/CSU und SPD geben im Vergleich zum März jeweils zwei Punkte ab. Die Union käme aktuell auf 26 Prozent, die SPD auf nur noch zwölf Prozent. Die Sozialdemokraten fallen damit auf ihr Rekordtief von 2019 zurück.

Die Alternative für Deutschland (AfD) legt um zwei Punkte auf 25 Prozent zu, Grüne und Linke verbessern sich um jeweils einen Punkt auf 14 beziehungsweise zehn Prozent. Andere Parteien blieben bei einem Wahlgang weiter unter der bundesweiten Mandatsschwelle, darunter das Bündnis Sahra Wagenknecht (BSW) und die Freien Demokraten (FDP) mit jeweils drei Prozent.

Der Iran-Krieg macht die Hoffnung auf einen Aufschwung zunichte

Für die Regierung heißt es nun, dass sie liefern muss. Große Sorgen bereitet die Wirtschaft. Drei Jahre Rezession und ein Jahr Stagnation haben deutliche Spuren hinterlassen. Die Industrie schrumpft und verlagert Produktion und Arbeitsplätze ins Ausland. Leichte Signale für eine Verbesserung sind durch den Iran-Krieg zunichte gemacht worden. Sollten die Energiepreise weiter hoch bleiben oder noch steigen, droht erneut eine Inflation.

Insgesamt 70 Prozent der Bürger haben kein Vertrauen, dass die Regierung die notwendigen Maßnahmen einleiten wird, um die Wirtschaftslage zu verbessern.

Geplant sind eine Kombination aus Steuerentlastungen, Energiepreissenkungen, Investitionsanreizen und Bürokratieabbau, um den Wirtschaftsstandort Deutschland kurzfristig zu stabilisieren und langfristig wettbewerbsfähiger zu machen. Ergänzend sind weitere Entlastungen für Verbraucher nach Ostern 2026 angekündigt.

Schnellere Anerkennung ausländischer Berufsabschlüsse

Angedacht ist beispielsweise auch, dass Unternehmen die Möglichkeit haben sollen, Beschäftigte länger befristet anzustellen als bisher. Die im ARD-Deutschlandtrend befragten Bürger sind bei diesem Punkt zwiegespalten. 48 Prozent fänden das gut, 44 Prozent nicht. Große Zustimmung (74 Prozent) würde hingegen eine beschleunigte Anerkennung ausländischer Berufsabschlüsse finden, damit Migranten schneller in Arbeit kommen.

Allein von den Wählern der in Teilen rechtsextremen AfD stimmen nur 48 Prozent zu. Bei den Wählern der anderen Parteien liegt die Zustimmungsrate zwischen 83 und 95 Prozent. 

Reiche sollen höhere Steuern zahlen

Um die Löcher im Haushalt zu stopfen und vor allem Frauen zu ermuntern, mehr zu arbeiten, wird über eine Abschaffung bestehender Steuervorteile für künftige Ehepaare, also das sogenannte Ehegatten-Splitting, nachgedacht. 54 Prozent der Bürger sind dagegen, nur 32 Prozent fänden das richtig. Eine pauschale Anhebung der Mehrwertsteuer lehnen 91 Prozent ab. Die persönliche Steuer- und Abgabenbelastung wird ohnehin als zu hoch eingestuft.

Insgesamt sagen 66 Prozent der Befragten, dass sie ihre Steuerbelastung als zu hoch empfinden, 28 Prozent finden sie angemessen. Steuerliche Entlastungen für niedrige und mittlere Einkommensgruppen bei gleichzeitiger Anhebung der Einkommenssteuer auf hohe Einkommen würden 76 Prozent der Befragten begrüßen.

Rente, Gesundheit, Pflege - überall hakt es

Nicht nur im Steuer-, sondern auch im Sozialsystem stehen Veränderungen an. Der demografische Wandel setzt die Sozialsysteme unter Druck. Deutschland altert rapide, immer weniger Erwerbstätige müssen für immer mehr Rentner aufkommen.

Das kann auf Dauer nicht funktionieren. Die Alterung setzt auch das Gesundheitssystem unter Druck. Es ist zu teuer und zu wenig effizient. Die Zahl der alten Menschen, die gepflegt werden müssen, wird in den nächsten Jahren rapide steigen.

74 Prozent der im Deutschlandtrend befragten Bürger haben kein Vertrauen, dass die Regierung die notwendigen Maßnahmen einleiten wird, um die Sozialsysteme zukunftsfest zu machen. Drei Expertenkommissionen wurden eingesetzt, um Reformvorschläge zu entwerfen. Während an den Themen Rente und Pflege noch gearbeitet wird, hat die Gesundheitskommission Ende März ihre Ergebnisse vorgelegt.

Von den Vorschlägen zur Entlastung der gesetzlichen Krankenversicherung findet eine stärkere Besteuerung von Alkohol, Tabak und Softdrinks mehrheitlich Unterstützung bei den Bürgern (72:24). Höhere Zuzahlungen für Medikamente und Behandlungen werden jedoch ebenso deutlich abgelehnt (20:76), wie eine Abschaffung der kostenlosen Mitversicherung von Ehepartnern (26:64) oder begrenzte Vergütungen für niedergelassene Ärzte und Krankenhäuser (23:63).

DW Deutsch

Ursprünglich bei

DW Deutsch

open_in_new Vollständigen Artikel lesen

Verwandte Artikel

Muslimas bekämpfen das Patriarchat mit dem Koran
Welt

Muslimas bekämpfen das Patriarchat mit dem Koran

Muslima und gleichzeitig Feministin? Für muslimische Feministinnen in der Türkei ist das kein Widerspruch. Sie kämpfen mit religiösen Argumenten gegen Gewalt und Diskriminierung - und für gleiche Rechte.

DW Deutsch
Iran im Krieg: Stabilität trotz maximalem Druck?
Welt

Iran im Krieg: Stabilität trotz maximalem Druck?

100 Tage nach dem Krieg wirkt die Islamische Republik stabil. Doch unter der Oberfläche verschärfen sich die sozialen und wirtschaftlichen Krisen des Landes und die staatlichen Repressionen nehmen zu.

DW Deutsch

Weiterlesen

Verliert Selenskyj einen Orden - und Polens Sympathie?
Welt

Verliert Selenskyj einen Orden - und Polens Sympathie?

Der ukrainische Präsident Wolodymyr Selenskyj hat mit einer Soldatenehrung Empörung in Polen ausgelöst. Präsident Karol Nawrocki will ihm den höchsten Orden Polens aberkennen. Kann Premier Donald Tusk die Wogen glätten?

DW Deutsch
Iran-Gespräche wegen neuer Kämpfe auf der Kippe
Welt

Iran-Gespräche wegen neuer Kämpfe auf der Kippe

Nach Äußerungen über eine mögliche Einstellung der Angriffe zwischen Israel und Hisbollah schien ein Abkommen im US-israelischen Krieg wieder einmal greifbar. Doch wegen neuer Kämpfe droht der Iran mit Gesprächsabbruch.

DW Deutsch
CDU und Grüne beleben die "Pizza-Connection" neu
Welt

CDU und Grüne beleben die "Pizza-Connection" neu

Vor 30 Jahren entstand mit der "Pizza-Connection" ein ungewöhnliches Forum für den Austausch zwischen Konservativen und Grünen. Jetzt wird das Format in veränderter politischer Lage wieder aufgenommen.

DW Deutsch
Hat Europa eine Antwort auf Instagram, Tiktok & Co.?
Welt

Hat Europa eine Antwort auf Instagram, Tiktok & Co.?

Undurchsichtige Algorithmen, zu wenig Jugendschutz, viel Hate Speech und Desinformation: Soziale Medien aus den USA und China stehen in Europa seit Langem in der Kritik. Deshalb will man eigene Wege gehen - bloß wie?

DW Deutsch